Christian Frisch
Referat zum mediensoziogischen Seminar Bürdek/Niebuhr WS 97/98 an der HfG-O

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"Benjamin / Aura / Netz"

Inhalt:
1.Die Bilder kommen ins Haus
2.Medium und Inhalt
3.An Walter Benjamin (Gedicht von A. Andersch)
4.Das Neeenjami a, Chok und Kampfwert
9.Der entauratisierte Mensch, die Cyber-Prinzessin
10.Wildwest
11.Über vom Material losgelöste Kunstwerke
12.Das Verschwinden der Daten
13.Protokoll der Chat-Session vom 13. Januar 1998
14.Emoticons und »Beer«, über das Verschwinden des Emotionalen im Netz
15.Regression der Avantgarde. Zurück zum Kultwert - jeder für sich
16.Kunst im Netz - Demokratisierung der Aura
17.Demokratisierung und Enträtselung
 

 

 

"Benjamin / Aura / Netz"

1.
»Wie Wasser, Gas und elektrischer Strom von weither auf einen fast unmerklichen Handgriff hin in unsere Wohnungen kommen, um uns zu bedienen, so werden wir mit Bildern oder Tonfolgen versehen werden, die sich, auf einen kleinen Griff, fast ein Zeichen einstellen und uns ebenso wieder verlassen.«
(Paul Valérie, zitiert nach Walter Benjamin, Q1, S. 11)

 

2.
Das Werkzeug mit dem ein Text geschrieben wird, beeinflußt das Werden des Textes und somit den Text selbst, das heißt: seinen Inhalt.
So banal und nachvollziehbar diese These auch zu sein scheint - sie ist es nicht - immerhin sollte es doch die Idee sein, die die Richtung eines Gedankenganges angibt: Die Intention des Verfassers und seine Meinung und nicht der Umstand, ob er nun einen Bleistift in der Hand hält, auf weißes Papier blickend, oder einen Computerbildschirm vor sich hat oder den nackten Fels seiner Wohnhöhle.
Zumindest dachte ich das, bis ich irgendwann eine diebische Freude daran entwickelte, meine private Korrespondenz auf einer alten, mechanischen Reiseschreibmaschine, einer Triumph-Adler Tippa, zu verfassen, einfach deshalb, weil durch mein Unvermögen mit Schreibtastaturen umzugehen, die Briefe, die ich auf dieser Maschine schrieb, völlig ungewohnte Wendungen annahmen: Ständig vertippte ich mich, hatte aber den Ehrgeiz, in meine Texten möglichst wenige Korrekturen mit TippEx oder Durchstreichungen zuzulassen.
Sauste also wieder einmal die falsche Type auf das Blatt, blieb mir nur eins: Ich mußte den vorgehabten Wortlaut des zu Schreibenden so umändern, daß der Buchstabe nun doch wieder in meine Erzählung passen würde.
So mancher Brief der auf diese Weise geschrieben wurde, bestand fast nur noch aus reiner Fiktion.
 
Die hier vorliegenden Ausführungen, die versuchen, auf irgendeine Weise die Themen »Internet«, »Medien« und »Kunst« und Walter Benjamins Text »Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit« miteinander zu verknüpfen, wurden ohne vorherige schriftliche Fixierung direkt durch ein Textverarbeitungsprogramm in einen Rechner eingegeben.
Es wird möglich sein, den Text später neu zu strukturieren, nachträglich ohne große Mühe Teile davon auszusieben, und zu collagieren. Wie das Wissen von der Existenz dieser Möglichkeiten mein Schreiben beeinflußt, ist leicht vorstellbar.
Walter Benjamin schrieb in seiner Ameisenschrift Wort an Wort in kleine Notizbücher, von denen er wohl immer eines zur Hand hatte.

 

3.
An Walter Benjamin
(Gedicht von Alfred Andersch)
 
hinsichtlich des kunstwerks
im zeitalter seiner technischen reproduzierbarkeit
haben Sie sich geirrt
benjamin
 
die originale bleiben geheimnisse
auratisch for ever
 
wie die herzogin von guermantes
in ihrer übertragung
 
Ihre winzige und rätselhafte schrift
kann jetzt nur noch gretel adorno lesen
sagt man
 
brecht war nicht ganz auf der höhe
Ihrer zuneigung
er hielt Sie bloß für einen besonders intelligenten
analytiker
 
an der spanischen grenze wußten Sie
daß Ihre zeit zu ende war
 
jenseits des meeres gab es nur noch
das institut
 
die zensierten texte
die abgelehnten dissertationen
wie damals
in frankfurt
 
das war kein ziel für Sie
benjamin
Sie wären gerne in paris geblieben
in den blaugrauen straßen
zusammen mit baudelaire
 
ein weicher bürgerlicher berliner jude
lenin erwartend und
den heiligen geist
 
(Q2, S.324f)

 

4.
»In der stillen Welt der Netzwerkspezialisten vollzog sich Anfang der 80er Jahre eine lautlose Revolution. Wie die vielen, kleinen Fettaugen auf einer Suppe, die in einem großen Fettauge aufgehen, begannen sich nun hunderte und Tausende abgeschlossener Netze miteinander zu einem weltweiten Netz zu verbinden.« (Q3, S.75)
»Schon [damals] war das Netz weit mehr als nur eine Ansammlung von etwa 200 Computern und Standleitungen. Es war ein Ort gemeinschaftlicher Arbeit, an dem Freundschaften entstanden und neue Methoden der Kommunikation und ein neues Lebensgefühl erprobt wurden.« (ebd.)
Was ist das Netz und was hat es mit Benjamin zu schaffen?
Vier persönliche Antworten auf den ersten Teil dieser Frage lauten folgendermaßen:
Das Netz erinnert mich noch am meisten an einen Briefkasten, ohne den segensreichen Aufkleber »Bitte keine Werbung und keine kostenlosen Zeitungen!« Es gleicht einer weltumspannenden Herrentoilletenwand. Einem Ideenendlager. Dort herrscht Wildwest.
Keine Website öffnet sich, ohne daß sie gespickt wäre mit Werbungen für Dienste oder Produkte, deren besonders gemeine Art es ist, »interaktiv« zu sein: Rutscht man aus Versehen mit seinem Navigationswerkzeug »Maus« ab und klickt auf ein Feld eines Sponsors, wird man sofort auf dessen Homepage weitergeleitet, wo das entsprechende Produkt sogleich kaufbereit steht.
To order now: Click here.
Die Tatsache, daß eine solche Homepage in der Regel plötzlich von einem ganz anderen Zentralrechner aus geschaltet wird, der sich, bezüglich jenen Servers, auf dessen Datenbanken man gerade noch nach Informationen stöberte, geographisch am anderen Ende der Welt befinden kann, löst zumindest in mir das Gefühl aus, irgendwie Opfer einer Entführung geworden zu sein.
Geographische Entfernungen spielen im Netz keine Rolle - aber ich bin altmodisch: Was will ich bei einem amerikanischen Gebrauchtwagenhändler an der Westküste, wenn ich eigentlich nach Informationen auf einer Homepage eines bestimmten Magazins suche?
Und weshalb muß ich mir dauernd den Dumpfquatsch pubertärer oder esoterischer Computerfreaks durchlesen? Nur weil im Netz alle gleich sind, und zwar so gleich, daß nicht einmal die Suchmaschinen die Unterschiede kennen?
Leute die sich ihrer versichert sein wollen, daß ihre Homepage nicht vergessen wird von der Welt, versehen diese mit einem Zählmechanismus.
»Willkommen. Sie sind seit dem 24. September 1997 der 65ste Besucher dieser Homepage.« Schockiert klickt man sich weg von einer solch uncoolen Site.

 

5.
Benjamin kündigt das Internet nicht an, wenn er im ersten Abschnitt seines Aufsatzes »Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit« einen Satz von Paul Valéry zitiert, in dem es heißt, daß eines Tages die Bilder, und mit ihnen auch Tonfolgen, durch Leitungen in den Wänden unserer Wohnungen kämen, Benjamin war kein Prophet.
Die Textstelle interessiert aber im Zusammenhang mit dem Thema Internet deshalb besonders, weil dort nicht nur über das Kommen der Bilder geschrieben steht, sondern auch über deren Verschwinden.
Benjamin, Sohn eines altberliner Antiquars (vgl. Q4, S.30) tut sich mit dem Verschwindenlassen schwer: Jedes Fitzelchen Idee scheint in seinen Kladden festgehalten, notfalls mehrmals wiederholt, fast jeder Brief scheint überlebt zu haben. Natürlich auch deshalb weil er Leute angezogen haben muß, die ähnliche Bedürfnisse hatten, nämlich seinen Freund Gershom Scholem, der seine Korrespondenz gewissenhaft archivierte, und Theodor W. Adorno, der es als seine Pflicht ansah, dafür Sorge zu tragen, daß die Ideen seines Freudes Benjamin in ihrer Fragmentierung nicht verloren gingen (vgl. Q4,S.33f).
Benjamins Einstellung zu Problematik des Verschwindens zwingt uns, ihn besonders genau zu lesen:
Um den Verlust des Auratischen der Kunstwerke durch ihre Reproduktion zu beschreiben, benutzt Benjamin Worte wie »Verkümmerung« (Q1,S13) und »Zertrümmerung der Aura«, »Entschälung des Gegenstandes« (Q1,S15), »Erschütterung der Tradition« (Q1,S14) und klingt in jenen Passagen wenig erfreut über das, was die neuen Medien (damals: Film und Fotografie), den alten Künsten antun.
Benjamin schreibt aber auch vom »Kampfwert« seiner Thesen: Jene vom Auratischen bloßgewaschene Kunstformen sind frei von vom Faschismus ausnutzbaren Begriffen wie »Schöpfertum und Genialität, Ewigkeitswert und Geheimnis« (Q1,S9).

 

6.
13. Januar 1998. Die Internetgemeinde trifft sich im virtuellen Raum in sogenannten »Chatrooms« um miteinander ins Gespräch zu kommen. Die Nutzung des Services ist kostenfrei. Man wählt ein bestimmtes Thema für das man sich interessiert und klinkt sich einfach ein, in eine Gruppen von Netznutzern, die schon damit beschäftigt ist, miteinander zu kommunizieren.
Die Chatter geben sich Codenamen, niemand ist identifizierbar, jeder darf sagen, was er will.
Fühlt man sich bedrängt, kann man sich einfach zurückziehen - oder aber einen besonderen Service in Anspruch nehmen: Durch das Aktivieren eines bestimmten Symbols auf der Oberfläche des Kommunikationsprogramms in Verbindung mit anschließendem Anklicken des Namens des Chatters, der einen nervt, werden sämtliche Nachrichten des so markierten Teilnehmers einfach vom Bildschirm des »Opfers« ausgeblendet.
»Woulnd't it be wonderful if this worked in real life, too?« fragt der Anbieter »Yahoo« auf einer #Seite mit Erklärungen zu seinem Service.
Ich logge mich ein: »Welcome in the room, Christian_Frisch«, begrüßt mich das Programm. »Thirteen Users are in the Room«. »Hi everybody!« gebe ich ein. Die Nachrichten der anderen flitzen über den Bildschirm in einer Geschwindigkeit, in der ich sie kaum lesen kann.
»Anybody wants to chat?« frage ich und werde ignoriert. »Can anybody tell me sth about 'Aura'?«
Ich werde ignoriert.

 

7.
»Es empfiehlt sich, den [...] für geschichtliche Gegenstände vorgeschlagenen Begriff der Aura an dem Begriff einer Aura von natürlichen Gegenständen zu illustrieren. Diese letztere definieren wir als einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag. An einem Sommernachmittage ruhend einen Gebirgszug am Horizont oder einem Zweig folgen, der seinen Schatten auf den Ruhenden wirft - das heißt die Aura dieser Berge, dieses Zweiges atmen.« (Walter Benjamin, Q1, S.15)

 

8.
Benjamins Begriff »Aura«: Geheimnisvoller Strahlenkranz ach so naher Ferne oder noch vom Kult blutige Schleimschicht der Geschichte der Echtheit des Gegenstandes?
Hinsichtlich einer Definition äußert sich Benjamin in seinem Aufsatz an den meisten Stellen wenig eindeutig, sondern eher poetisch, mystisch, gar esoterisch (vgl. Adorno in Q4, S.11, der das gleiche Wort zur Charakterisierung Benjamins früher Arbeiten benutzt.)
Man hätte sich Benjamin »gut als Magier mit hohem spitzen Hut vorstellen können, und er hat wohl auch seinen Freunden zuweilen Gedanken überreicht wie kostbare zerbrechliche Zauberdinge« (ebd., S.34) - aber dennoch war er ein säkularisierter Magier: Sein Denken »blieb frei vom Gehabe der Geheimlehre und Eingeweihtseins.« (ebd.)
»Was im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit des Kunstwerks verkümmert, das ist seine Aura« (Q1, S.13), definiert Benjamin, und zeigt, daß es ihm im Grunde gar nicht um die die Aura geht, jenem Begriff, der heutigen Kritikern die größte Angriffsfläche bietet, sondern im eigentlichen Sinne um den verändernden Einfluß, den der technische Fortschritt auf die Wahrnehmung des Menschen ausübt. »Die Provokation [... Benjamins These] reichte [und reicht] von rechts nach links, weil keinem recht galt, was da, im verlöschenden Lichte einer mystischen Kategorie, mit materialistischem Anspruch verzeichnet war«(Q7, S.12) - materialistisch deshalb, weil seine Bemühungen von den Gegenständen, den Reproduktionsmaschinen und deren Wirkungen auf das Ideelle ausgehen.
Liest man Benjamin zu einfach, drängt sich heute der Gedanke auf, er hätte sich, von der Geschichte widerlegt, getäuscht:
Das von ihm als zur auralosesten Kunstform deklarierte Medium, der Film, war es, den die Faschisten erfolgreichst auratisierten, um Propagandamaterial zu produzieren, das enormen Kampfwert hatte. Faschistischer Kultkitsch war es, der den europäischen Kontinent# in den 30er und 40er Jahren erschütterte, nicht die Zertrümmerung des Auratischen im Kunstwerk.
Benjamin verfaßt keine Kampfschrift, sondern entwirft lediglich eine Theorie, von der er selbst schreibt, daß es so sei, daß seine »neu in die Kunsttheorie eingeführten Begriffe [...] sich von den geläufigeren dadurch [unterscheiden] , daß sie für die Zwecke des Faschismus vollkommen unbrauchbar [seien]« (ebd.).
Die antiauratischen Werke seien frei von den Kult unterstützenden Begriffen (Schöpfertum, Genialität, Ewigkeit, s.o.), behauptet Benjamin, benutzt aber den Begriff des »Chocks« um eine neue Inhaltsebene des zu seiner Zeit noch jungen Films zu beschreiben: Die Chokwirkung der im Kino erfahrbaren unendlichen Nähe zum entauratisierten Schauspieler, der Chok einer neuen »taktile[n] Qualität, [die dem Zuschauer] unvermittelte Nähe [bringt] und [...] den Jagdblick des Objektivs in den Jagdhieb des Einstellungswechsels transformiert, der den Assoziationsablauf des Betrachters zur Strecke bringt.« (Q6, Punkt 15, »Zerstreuung, Krieg«)
Das Kino als Medium der Geschwindigkeit erzeugt eine Ästhetik der Geschwindigkeit .
»'Kraft seiner technischen Struktur hat der Film die physische Chockwirkung, welche der Dadaismus gleichsam in der moralischen noch verpackt hielt, aus diesen [... Fesseln] befreit' und ist damit 'die der gesteigerten Lebensgefahr, der die Heutigen ins Auge zu sehen haben, entsprechende Kunstform'. Das Auge der Lebensgefahr: die 'Jetztzeit' ist der Krieg [...].«
(ebd.)

 

9.
Wieviel näher sind wir dem entauratisierten Menschen heute, wieviel größer müßte der Chok sein, wie viel ästhetischer sind Kriege heute, wenn sie als propagandistisches Medienspektakel elektronisch aufbereitet werden?
»Manche halten Romana für eine echte Internet-Schlampe, andere für eine große Persönlichkeit und nochmal andere für eines der cleversten Software-Wesen im ganzen Silicon Valley.
Unstrittig ist, daß Romana Machado das komischte Pin-up-Girl ist, das es im Netz gibt. Auf ihrer eigenen Homepage (www.glamazon.com) zeigt sie sich selbst in zahllosen Posen [...]. Nackte Mädchen gibt es zigtausende im Netz, manche behaupten auch, dafür sei das Internet erfunden worden. Aber es sind [n]amenlose Porno-Models [...] in krampfigen Posen [...]. Romana ist echt und real, man kann ihr E-mails schicken und vorschlagen, daß sie doch mal ein Bild in der Badewanne oder mit einer Gummi-Ente machen soll. 'Ich bin ein Mädchen für alle, virtuell gehöre ich jedem. Die Anzeigen auf meiner Seite zahlen mir die Miete, rund 30 Dollar jeden Tag.'«
Romana und andere Cyber-Prinzessinnen, zum Beispiel jene Netzberühmtheit, die man täglich über 24 Stunden laufende Videokameras zu jeder Zeit digital begaffen darf, entauratisieren sich selbst in einem Akt neuen, weltweiten Exhibitionismus'.
»Was ich da mache, ist eine Demonstration der Freiheit, daß jeder alles machen darf. Das Internet ist der letzte Garant für Freiheit.« (Q3, S.86f)
 

 

10
Das Internet ist Wildwest, und nicht wie von verschiedenen Autoren immer wieder euphorisch erklärt wird, die erste Verwirklichung eines basisdemokratischen Utopias gleicher Individuen im virtuellen Raum.
»Besonders kämpferisch geben sich jene Hacker, die jetzt für Cyber-Law und Online-Order sorgen wollen: 'Unsere Mission ist die des Guten gegen das Böse', erklärt der Verein EHAP (Ethical Hackers Against Pedophilia), 'wir wollen die Schlimmsten, skrupellosesten Verbrecher zur Strecke bringen.'«(Q3,S.40)
»Se7en hat sich ein Blauelicht aufgesetzt. Und was wird aus der grenzenlosen Freiheit im Internet? 'Redefreiheit', konteret Se7en, 'gibt niemanden das Recht, [ ... Kinderpornographie im Netz] zu verbreiten. Was wir jetzt tun ist reine Selbstverteidigung. Wir machen unseren eigenen Hinterhof sauber.'« (Q3, S.36)
»Manche glauben, daß hier plötzlich Böcke den Gärtner herauskehren: 'Die haben so lange am Rand der Gesellschaft gelebt', spottet der Ex-Hacker Declan McCullagh, 'daß sie nun geliebt werden wollen - für die Ausrottung eines sozialen Übels.'
Tattooman ficht das nicht an. 'Wir übernehmen da, wo die Regierung aufhört', sagt er. 'Im Internet gibt es keine Regierung. Wir sind zur Polizei geworden, zu Richtern und Henkern.' Die Anti-Porno-Hacker benutzen spezielle Skripts, um einschlägige Newsgroups und IRC-Kanäle auf verdächtige Aktivitäten hin zu überwachen und nach Paßwörtern und Internet-Adressen zu durchwühlen. Sind sie fündig geworden, kommt altes Hacker-Handwerk zum Zuge: Sich auf dem Server einklinken, zum Root vorarbeiten, alles löschen. Anschließend wird der Webmaster per anonymer E-mail informiert, daß sein Server geknackt, illegales Material gefunden und gelöscht wurde. Und daß es wieder geschehen wird , wenn er sein Angebot nicht besser kontrolliert.
Wiederholungstätern drohen härtere Strafen: Ihre Telefonrechnung wird in astronomische Höhen getrieben, ihr Bankkonto gelöscht, ihre Daten bei Polizei und Sozialversicherung manipuliert. 'Notfalls würden wir sie auch verprügeln', meint Tattooman, 'aber das kann nur das letzte Mittel sein.'«
(Q3, S40)

 

11.
Zurück zum Kunstprodukt der entauratisierten Cyberprinzessin.
Nicht ahnen konnte Benjamin, daß es einige Jahrzehnte später gerade die auralosen Artefakte wären, die unter den bürgerlichen Kunden des Kunstmarktes besondere Bestseller würden: Auralos weil nicht einzigartig seiende Multiples sind billiger und Beuys bleibt Beuys und Warhol Warhol.
Höhere Auflagen bedeuten heute in erster Linie Geldeinsparung: Blatt 1/5 ist mehr wert als 4/5 und Objekt 27/50 mehr als Objekt 27/250. Originale sind sie alle, sonst wären sie gar nichts wert.
Den künstlerischen Akt der Zerstörung der Idee des Originals (von Duchamp eingeführt) hat der heutige Kunstmarkt längst hingenommen, und mehr noch: geschmeidig vermarktet.
Die Zeiten haben sich geändert: Die Akzeptanz dessen, was heute als künstlerisch »auratisch« angesehen wird, hat sich extrem geweitet. Selbst Filme werden als »auratisch« wahrgenommen, falls dieser Begriff überhaupt noch zeitgemäß ist. In Galerien verkauften die Kunstfilmemacher der 60er und 70er ihre Werke, d.h. Kopien, Multiples, nummeriert und signiert im Kartönchen.
Der Begriff des »echten« Kunstwerks wird anders als zu Benjamins Zeiten benutzt - nämlich losgelöst von seiner Einmaligkeit.
Was aber passiert, wenn das Kunstwerk materiell gar nicht mehr existiert, d.h. wenn es nichts als eine Idee ist, Information, meinetwegen ein Programm auf irgendeinem Rechner, womöglich zigfach kopiert - weniger noch als Werke der Concept-Art, die heute ironischerweise doch in den Museen ausgestellt werden, getippt auf Schreibmaschinenpapier, Anweisungen des Künstlers.
Der Netzkunst fehlt selbst das Papier - wo es kein Werk zu kaufen gibt, versagt die kunstmaterialistische Theorie, daß ein Werk eben soviel wert ist, wie dafür bezahlt wird.
Wenn nichts dafür bezahlt werden kann, muß in neuen Kategorien, vielleicht in ästhetischen, antiästhetischen, auratischen über die Werke geurteilt werden. Vielleicht braucht man dazu Benjamin im Netz: für die Suche nach dem Auratischen von Werken, die abgelöst sind von jedweder körperlichen Existenz.
Wahrscheinlich wird aber alles weiterhin in gewohnten Bahnen laufen: Der angesehenere Netzkünstler wird jener sein, der die höheren Beträge durch Werbung und Sponsoring, vielleicht von Sammlern, auf seinen Kunstseiten verdient.
»Realisation of these interactive art pages was made possible through generous support from the Eduart-Fuchs-Foundation. Interested in seeing more? Click here for free demo.«

 

 
12.
So unmerklich wie die Bilder kommen, so unmerklich werden sie uns auch wieder verlassen, heißt es im Valérie-Zitat (Q1, S.11, s.o.) in Benjamins Aufsatz.
Was das neue Medium Netz revolutionär aber auch inflationär macht, ist, daß es »interaktiv« ist. Jeder kann seinen Senf zu allem geben - der Datenraum erscheint als schwarzes Loch, das alles und jede Information schluckt, dabei anschwillt, immer unübersichtlicher wird und dadurch das Finden von Antworten selbst auf präzise Fragen täglich schwerer macht.
Ins Netz gestellte Informationen sind verschwundene - sie gehen unter im Datenmüll und auf längere Sicht hin, ist es ohnehin fraglich, wie lange Datenformate, wie wir sie heute kennen, existieren werden, oder Rechner oder Datenbanken oder Programmiersprachen.
Einige diesem Text zugrundeliegende Quellen werden verschwinden. Die Euphorie die ich einst darüber hatte, daß digitale Bilder keine Abnutzungserscheinungen erleiden würden, im Gegensatz zu fotografischen »Originalen«, deren Bildinformation über die Jahre zwangsläufig verbleicht, ist Ernüchterung gewichen, angesichts der Praxis von mittlerweile archäologischen Bemühungen, angestrengt von Informatikern, um Dinosaurierdaten aus den 70er und 80er Jahren zu retten.
Die Bilder verschwinden immer noch, wenn nicht sogar beschleunigt.
Ob aber andere Bemühungen der Verbreitung und Konservierung von Information grundsätzlich mehr versprechen - beispielsweise das Experiment der deutschen Bibliothek in Frankfurt- soll nicht Thema dieser Ausführungen sein.
Dennoch ist es aber so, daß ich in der Bibliothek einen Bekannten traf, der mir einen Bleistift lieh, und mit dem ich einige Worte wechselte: Es gibt in den Bibliotheken so etwas wie eine Gemeinschaft der Bibliotheksnutzer, die sich gegenseitig die Bücher wegnehmen, Nutzungsbeiträge bezahlen, ein soziales, institutionalisiertes Gefüge formen. Das Netz hingegen verschlingt nicht nur die Quellen, sondern auch die vielbeschworene »Comunity«, die User, deren Kommunikation bedingt durch das Medium nur allzuoft gegen Null geht.

 

13.
Protokoll meiner »Chat-Session« vom 13. Januar 1998 unter
http://r2. chat.yahoo.com:4180/chat/*index. (Q5)
Chatroom at »Yahoo«, Subject: »Music«. 13 Users:
»#37_Dante_Hicks«, »Altergutt«, »Christian_Frisch_«, »Dingdong_56«, »Don_Corleone_«, »JDAWG64«, »John 6751«, »Lamy_Ink_tulip«, »_Lippy«, »M_Lightstorm«, »Malthiir«, »Ollie_McGee«, »Smootchy_Cuty«, »Vic_Colfari«
 
Smootchy_Cuty giggles insanely at #37_Dante_Hicks.
Malthiir sighs deeply.
#37_Dante_Hicks says, »I love it!!!«
Smootchy_Cuty giggles insanely at Malthiir.
John 6751... leaves, heading for another room.
John 6751 leaves.
Christian_Frisch_ says: »Hi everybody!«
_Lippy gives #37_Dante_Hicks a big hug.
Smootchy_Cuty licks #37_Dante_Hicks.
_Lippy gives Smootchy_Cuty a big hug.
_Lippy gives Vic_Colfari a big hug.
#37_Dante_Hicks kisses Smootchy_Cuty.
Christian_Frisch_ says: »Anybody wants to chat?«
Lamy _Ink_Tulip leaves.
Christian_Frisch_ says: »Can anybody tell me about 'Aura'?«
Malthiir says, »Smoo?«
Smootchy_Cuty says, »yes mal?«
Ollie_McGee leaves.
JDAWG64 leaves.
Smootchy_Cuty says, »LMAO«.
Smootchy_Cuty melts.
Tidy_Table enters.
#37_Dante_Hicks says, »LOL @ Don«.
Don_Corleone_says, »and don't think dirty«.
Altergutt says, »sug lem og bree i helvete«.
Dingdong_56 says, »I'M 15/F .....LOOKING 4 A GUY like U«.
 
Vic_Colfari says, »Cyrix 6x 86 MX 3.2 Gigabites 32 RAM 16x Playa.«
 
Malthiir says, »don't U think U ever lick too much?«
#37_Dante_Hicks kisses _Lippy.
_Lippy says,«hey who is #37_Dante_Hicks and why is he kissing me?«
#37_Dante_Hicks says, »Du tenker koffert«.
Smootchy_Cuty says, »Suck my dick and burn in hell?«
_Lippy says,«hey who is #37_Dante_Hicks and why is he kissing me?«
Vic_Colfari says, »#37_Dante_Hicks is our estranged pal!«
Vic_Colfari says, »Sug kuk og dø, hilsen IngStø!«
Smootchy_Cuty knows her norwegian profanity.
_Lippy says,«that doesn't mean he can kiss me«.
Lamy _Ink_Tulip leaves.
M_Light_storm missed that...
#37_Dante_Hicks apologizes to _Lippy.
Vic_Colfari says, »Correctamundo, Smootchy!«
Don_Corleone_says, »kan du være litt mindre specific Karl?«
Smootchy_Cuty says, »yay!«
Malthiir didn't get a hug...
Vic_Colfari says, »We vouch for him...«
 
Tidy_Table says, »I'm from Alabama.«

 

14.
»Am 12. April 1979 beklagte Kevin MacKenzie, ein Newcomer in der 'MsgGroup', dem allerersten Debattenzirkel im Netz, 'den Verlust von Bedeutung' in diesem neuen, textverbundenem Medium. Keine Gesten, keine Mimik, kein Tonfall. Er schlug vor, die Interpunktion in E-Mails zu variieren. Ironie könnte etwa so angezeigt werden :-). Damit war das erste Emoticon erfunden, der Net-Smiley. Eine Stunde später trudelten die ersten Flames in MacKenzies Mailbox ein, er sei 'naiv aber nicht dumm' ... und so weiter.« (Q3, S.74)
Emotionale Äußerungen in Net-Chats funktionieren noch heute so; aber es gibt mittlerweile bequemere Möglichkeiten der »Gemeinschaft« sein Fühlen mitzuteilen:
Auf der Oberfläche des Chat-Programms gibt es eine Box mit etwa zwanzig Abkürzungen von Gefühlsregungen: klickt der Chatter auf einen der Wortkürzel, beispielsweise »bnk«, steht auf der Chat Seite »Christian_Frisch bonks himself on the head« oder »bol« - »bursts out in laughter«. Für die Dinge, die sich die Net-Community in ihren Chat-Rooms zu sagen hat, scheinen die zwanzig Kürzel mehr als üppig. Beliebter sind ohnehin kleine Icons, die man in seine Gespräche einbauen kann. »Have a beer!« sagen alle gerne und zeigen ein pixeliges Bierglas in ihrer Message.
»Christian_Frisch_ says »§« , have a »c«.
Rettung vor dem Verlust der Gefühle im Netz.
Hatte MacKenzie überhaupt jemals recht? Gehen emotionale Äußerungen in textbezogenen Medien tatsächlich unter? Gab es nie Liebesbriefe? Warum brauchten die großen Klassiker keine Emoticons?

 

15.
»Wer ernsthaft sich die Frage stellt, ob Kunst im Internet die Chance zu einer neuen Qualität künstlerischer Ausdrucksform bietet, muß zunächst vom medialen Charakter der Apparatur ausgehen. Die neue Apparatur, bestehend aus Programmiertechnik und Multimediatools, die das Kunstwerk erst der Masse verfügbar macht, würde suggerieren, daß das Internet als neues Massenmedium den Akzent der Rezeption weiter verschiebt: Vom 'Kultwert' weg und noch weiter in Richtung 'Ausstellungswert', wie das die Apparatur von Fotografie, Film und Fernsehen zuvor schon getan haben. Optimaler als weltweit und millionenfach simultan verfügbar kann doch ein Kunstwerk gar nicht ausgestellt werden, sollte man meinen. Das Gegenteil ist der Fall.
Das Internet ist insofern ein idealer massenkultureller Indikator, als es einen Trend auf den Punkt bringt, der sich vorher schon in Kino, Print und Event andeutete. Mit dem Ende der Öffentlichkeit durch Aufsplitterung in subkulturelle mediale Szenen verlieren die Medien selbst an rationaler Funktion und werden vom Informationsmittel zum Kultmittel. Es geht eher um Image, Teilnahme und den Vollzug des medialen Ritus als um die Information selbst. Der Computer als Informationsmittel par excellence demonstriert seine Metamorphose zum Kultmittel par excellence vielleicht am besten in seiner konsequentesten Form, die sich gar nicht mehr schämt, bloß noch Kult und Entertainment zu sein: als Spielkonsole. Kunstwerke im Internet werden vom Kultcharakter ihres Mediums zutiefst affiziert sein. Denn das Internet-Kunstwerk - gerade in seiner besten Form - wird dem Mythos Computer seinen Tribut zollen müssen. [...] Das interaktive Spiel mit dem Click in einer Millionengemeinde von Menschen, die täglich und synchron die Liturgie des technologischen Fortschritts vollzieht, wird zum elementaren Bestandteil des virtuell verfügbaren Kunstwerks werden müssen. Mit diesem neumedialen Bekenntnis zum Kultwert kehrt das Kunstwerk zugleich in seine historische Kinderstube zurück. Mit seiner avanciertesten technischen Methode ist die Ausstellbarkeit des Kunstwerks bis ins Unendliche gewachsen und damit qualitativ ins Gegenteil umgeschlagen: den einsamen Dienst am Kult. Für jeden, aber auch jeder für sich.« (Q.8)
In diesem Für-sich-sein bei gleichzeitiger Erfahrung einer global vernetzten Omnipräsenz des Individuums sehe ich den Grund dafür, wie banal Kommunikation im Netz heute stattfindet und wie ich sie oben beschrieben und dokumentiert habe.
Das Medium beeinflußt den Text, der in ihm und durch es verbreitet wird, um den Bogen zur Einleitung dieser Ausführungen zu schlagen. Wie die Texte, die auf der erwähnten, heutezutage fast steinzeitlich wirkenden Triumph-Adler-Tippa entstanden, durch die Maschine anarchisch außer Rand und Band gerieten, so diszipliniert das neue, ungleich komplexere Medium Computer die Kommunikation auf ein Mindestmaß von Möglichkeiten von Äußerungen.
»Hello everybody«, »I'm from Alabama«, »Ich bin hier«, »Ich habe auch etwas zu sagen« scheinen die wichtigsten Mitteilungen der »Net-Community« untereinander zu sein. Selbst E-Mails, ausgetauscht zwischen Freunden, die sich nicht nur virtuell kennen, haftet oft eine seltsame digitale Kurzangebundenheit an, die mir so aus Papierpost nicht bekannt ist.
Die Möglichkeit mit dem Wunderwerkzeug Rechner in seiner Potenzierung durch Vernetzung theoretisch alles nur denkbare kommunizieren zu können, so meine These, macht die tatsächlich stattfindende Kommunikation verschwinden, weil doch jeder für sich bleibt. In einer solchen Situation muß die erste Äußerung zwangsläufig »Ich bin hier« lauten, was aber häufig niemanden wirklich interessiert, weil ja alle irgendwie da sind und das gleiche Problem haben. Bezeichnend für diese Beobachtung ist, daß seit das Netz anfing zu boomen, plötzlich jede Firma dort präsent sein mußte. Die schnell eingerichteten, häufig seltsam leeren Homepages vieler solcher Unternehmen erwecken den Eindruck, daß dort niemand auch bloß einen Schimmer hat, wozu man nun eigentlich im Netz ist.
 

 

16.
Aber zurück zum Thema Kunst im Netz.
Neu entwickelte Techniken Bilder zu erzeugen oder zu verbreiten haben schon immer die künstlerische Avangarde angezogen, Im Falle der Fotografie war das erste künstlerische Interesse jenes der Maler, die sich vom chemisch fixierten Camera-Obscura-Bild versprachen, daß es schnell und einfach ungeheuer genaue Vorlagen für Gemälde liefern würde. Bis das wahre Potential der neuen Technik erkannt war, dauerte es dann noch Jahre und abermals Jahrzehnte, bis sich die Fotografie schließlich als eigenständige Kunstform durchsetzen konnte.
»Computer-Kunst [wird] schnell langweilig, wenn sie versucht, mit den neuen Mitteln alte Bildthemen noch einmal zuverwerten. 'Es geht nicht um den Erweis, daß auch mit den neuen Technologien der Infografie der ikonische Raum der Vergangenheitwieder erzeugt werden kann, sondern darum, was es heißt, die Entwicklung der ästhetischen Fragestellung unter den Bedingungen der Moderne zumindest in sich aufzunehmen, ohne der technologischen Performanz des Möglichen zu verfallen.'« (Q9, Punkt 4.2.2)
Gesucht werden also neue und dem Medium gerechte Formen künstlerischer Auseinandersetzung, neue Werke mit neuen Inhalten die mehr sind als technische Spielereien mit dem Thema Interaktivität.
Gefunden habe ich auf meinen Streifzügen durch das Netz keine Arbeiten bei bei denen ich spontan den Eindruck hatte, sie seien revolutionär - vielleicht stellte ich meine Suche auch nicht schlau genug an: Die Netzkunst, von der ich nicht behaupte, es gäbe sie nicht, scheint vom Medium verschlungen worden zu sein, wie so vieles.
Stattdessen wimmelt es nur so von zeitgenössischer Kunstfotografie auf diversen Homepages - schön anzuschauen aber nach Benjamins These mindestens doppelt auralos, genauso wie die Beiträge verschiedener Museen, die für kunstwissenschaftliche Zwecke sicher unglaublich wertvoll sind, aber bestimmt nicht als Netzkunst gelten können.
»Neu im Internet. Das erste kollektive progressive Weltgesamtkunstwerk.
Das Internet als Erkenntnismittel [...] zwingt zur Persiflage dort, wo es an Substanz noch fehlt. Eines der neuesten Experimente ist das große völkerumspannende Weltgesamtkunstwerk in Sachen Malerei. Menschen aus aller Herren Länder dürfen auf elektronischen multiple choice - Fragebogen elektronische Tools (Bäume, Kühe, Farben und Striche) anklicken und bestimmen, was für sie art & entertainmentmäßig most liked and most hated ist. Der Computer zählt dann millionenfach 1 und 0 zusammen, und heraus kommt als demokratisches Produkt das most liked Kunstwerk eines jeden Landes und schließlich der ganzen Welt: Rosemarie's Baby; ein Welt-Kunst-Frankenstein, den auch seine digitalen Erzeuger nur mit einem Twinkle-In-The-Eye zu präsentieren wagen. Ein Baum, ein Fluß, eine Wiese, ein Kuh/Schaf /Yak, eine Sonne, kein Mensch. [...] Ein Bild wie aus einer Drittwelt - Schulfibel.« (Q8)
Der Künstler der Zukunft wird Programmierer sein, muß Manfred Stumpf einmal gesagt haben. Sicher ist, daß es unter den Programmierern Künstler gibt. Zuwenige allerdings, schaut man sich das Netz an, und zuviele, die glauben Künstler zu sein. »Kulturpessimistisch betrachtet, und um [...] mit den Worten einer höheren Autorität zu sprechen: der Computer hat der Muse so sehr das Mieder gelockert, daß jeder Programmierer an ihren Brüsten herumfingern kann: Die Technologie gibt der elitären massenfeindlichen 'hohen Kultur' den demokratischen Blattschuß.«(Q8)
Vergessen wir aber nicht, daß genau dieser Vorgang, die Zertrümmerung des Elfenbeinturms, künstlerische Utopie ist.
Vielleicht steckt hierin das wahre Potential des Netzes, dessen einziges Hindernis, den von Beuys entwickelten Gedanken einer demokratisierten Kunst zu verwirklichen, jenes ist, daß es eben nicht demokratisch ist, sondern selbst elitär.

 

 

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Und hierin liegt die Kampfkraft meiner These: Das Netz muß demokratisiert werden, jedem muß die Möglichkeit gegeben sein, Zugriff zu haben. Dem Kult am Rechner darf nichts elitäres anhaften.
In ihrer Konsequenz führt eine solche Entwicklung, so fern sie überhaupt gewollt ist, allerdings zu ästhetischen Risiken bisher unbekannten Ausmaßes. Das Internet ist heute schon vielfach häßlich und ob es Aufgabe der Künstler sein sollte, die Auswucherungen eines solchen Mediums schön zu machen, ist eigentlich keine Frage.
Wichtiger erscheint im Moment die Bildung einer Theorie, die dem Medium gerecht wird, seinem Bezug zur Kunst und zur Sprache, aber auch dem Bezug der Sprache und der Kunst zum Medium.
So wie unsere Alltagssprache in verlogischter Form und entmenschlicht immer stärker in die Programmiersprachen einfließt, so fließt auch die computerisierte Sprache aus den Bildschirmen in unsere Alltagssprache ein.
Beim Reden über das Medium ist in heutiger Zeit eine Vermischung einfachster Ebenen und Begriffe gang und gebe, wie auch die Diskussionen im mediensoziologischen Seminar Bürdek/Niebuhr, zu dem diese Ausführungen entstanden, immer wieder zeigten.
Hierin, so bin ich überzeugt, liegt der größte Wert mit einer Auseinandersetzung von Benjamins Werk, unabhängig davon, ob man jeden von ihm eingeführten Begriff heute noch so akzeptieren kann, wie er ihn verwendet. Die Aura ilfe des Mutes zum Fragment. Er will durch sein Denken ănicht [...] Intentionen nachzeichnen, sondern sie aufknacken und ins Intentionslose stoßen, wo nicht gar, in einer Art Sisyphusarbeit, das Intentionslose selber enträtseln." (Q4, S.40)
Das Netz wartet auf seine Enträtselung.

 

 

 

 

Quellen:
 
Q1: Walter Benjamin, »Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit«, Frankfurt, 1994
 
Q2:Marbacher Magazin,«Walter Benjamin 1892 - 1940«, Heft Nummer 5,
Marbach, 1990
 
Q3:aus dem Magazin »Konrad, Der Mensch in der digitalen Welt«, Heft Nr 2, Hamburg, 1997
 
Q4:Theodor W. Adorno, »Über Walter Benjamin«, Frankfurt, 1970
 
Q5:Chat-Session-Mitschnitt 13. Januar 1998 http://r2.chat.yahoo.com:4180/chat/*index
 
Q6:Claus-Artur Scheier, »Zur Logik der Simulation: Walter Benjamins Abhandlung über das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit«, gefunden unter http://www.libronet.de/Bibliothek/Scheier/benj/start.cgi
 
Q7:Marleen Stoessel, »Aura, Das vergessene Menschliche«, München 1983
 
Q8:Walther Kraft, »Netzkunst,Das Kunstwerk im Zeitalter seiner virtuellen Verfügbarkeit« gefunden unter http://www.spiegel.de/kultur/pool/kunstwerk.html
 
Q9:Siegbert Müller, »Internet und Kunst«, gefunden unter
http://www.phil.uni-passau.de/kunst_erz/Personen/SIEGBERT/NETZKUNST
 
Q10:Romana Machados Homepage unter http://www.glamazon.com
 

Anhang (nicht in der HTML-Version):
M1:Anagramm-Generator-Experiment
M2:Diapostive zur Illustration des Themas
M3:Walter Krafts Text (Q8) aus dem Netz
M4:Claus-Arthur Scheiers Text (Q6)
M5:Siegbert Müllers Text (9)
M6:Tonbandkassette zum Protokoll der Chat-Session vvvom 13. Januar 1998
 

 

 

Christian Frisch / WS 97/98
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